1. Teil der Chronik 1891 bis 1991


125 Jahre Fichte-Schule                     

Chronik  1. Teil, 1891-1991          Bericht von Marie-Luise Scholz

 

Über die Geschichte der Fichteschule, die eng mit der Entwicklung Neuasselns verbunden ist, wäre in einer Chronik nachzulesen, wenn diese nicht seit Ende der 60-er Jahre spurlos verschwunden wäre. Glücklicherweise sind Auszüge aus dieser Chronik in den Festzeitschriften zum 75- und 90-jährigen Bestehen der Schule nachzulesen. Die Lektüre „Unser Schulbezirk“ des langjährigen Rektors Hans Frank war ergänzend eine hilfreiche Quelle.

Eine Begründung, warum die Schule Fichteschule genannt wurde, konnte ich nirgendwo ffinden. So habe ich damals als kommissarische Schulleiterin in meiner Ansprache zur Eröffnung der 100-Jahr-Feier eine Erklärung versucht: Fichte war zu seiner Zeit ein eifriger Verfechter eines Nationalstaates und sehr besorgt um die deutsche Sprache unter französischer Herrschaft. Fichte vereinte die Liebe zum deutschen Vaterland mit dem Auftrag, Sorge für die deutsche Sprache zu tragen. So war vielleicht auch 1931, als die Volksschulen der eingemeindeten Vororte unter städtische Verwaltung kamen, die Umbenennung der Schule von Louisenschule in Fichteschule zu erklären.

Die Notwendigkeit einer Schule im Wohnbereich Neu-Asseln ergab sich durch die aufkommende Industrialisierung im 19. Jahrhundert. 1852 wurde hier die Zeche Schleswig abgeteuft. Sie wurde 1925 stillgelegt. Ihr Torhaus am Neuhammer Weg ist noch erhalten. Bergarbeiter kamen zusätzlich von weit her, z.B. aus Schlesien und Ostpreußen, und sie brauchten dringend Wohnungen. So entstanden die Kolonien „Scheckerode 1, 2, 3“, die „An der Eiche“ und „Am Buddenacker“, alle mit großem Garten, Stallung und Mistkuhle. Die Häuser „An der Eiche“ und „Am Knie“ - Beamtenwohnungen - sind bis heute erhalten. Nebenbei bemerkt: Durch das im Schacht sich sammelnde salzhaltige Wasser, die Sole, zum Heilbaden geeignet, entstand ein Badehaus, eine Unterbringung für Kurgäste im Haus Enser, - beides noch erhalten - und ein Kurpark an der Straße Am Buddenacker, von dem der erste Schulmeister schreibt:

„Er dient nicht nur der Erholung, sondern den Menschen dort auch, um ihre Liebe zur Natur und ihren Schönheitssinn in hohem Grade zu heben.“

Doch die Kinder hatten lange Schulwege bis Asseln, die katholischen bis Aplerbeck oder Kurl. Die neue Siedlung wurde inzwischen auch gerne von einheimischer Bevölkerung bewohnt.

Auszug aus der Chronik:

„Man wandte sich also an die königliche Regierung zu Arnsberg. Auch diese Bemühungen blieben erfolglos. … Bis im Sommer 1891 die Überfüllung der Schule in Asseln die Anstellung einer weiteren Lehrkraft und die Einrichtung eines neuen Klassenzimmers notwendig machte. Nun verfügte die Königliche Regierung, dass in Neu-Asseln eine einklassige Schule errichtet werden solle, wodurch die einzelnen Klassen entlastet wurden und zugleich die Bewohner der Colonie die Wohltat einer eigenen Schule in unmittelbarer Nähe empfingen. Das Lehrergehalt wurde auf 1500 Mark jährlich, nebst freier Wohnung mit Garten festgesetzt. … Für die am 1. Oktober zu eröffnende Schule wurde ich, Johann Werner aus Eppendorf, Kreis Gelsenkirchen, vom Schulvorstand als Lehrer gewählt und von der Königlichen Regierung zu Arnsberg bestätigt.“

Es wurde also am Buddenacker ein Schulbau für 90 Schüler mit einem Lehrer gebaut mit Wohnungen für Polizist und Hausmeister unter dem Dach. Der Schulbau wurde mehrfach erweitert und reichte noch aus, als die Kinder der so genannten Kriegsgefangenensiedlung 1933 dazukamen. (Männer, die den Reichsbund ehemaliger Kriegsgefangenen gründeten und in Selbsthilfe ihre Häuser bauten.)

Zur feierlichen Einweihung der Schule zitiert der schon erwähnte Lehrer Johann Werner in der Chronik:

„Da der erste Oktober in die Ferien fiel, so fand die feierliche Einweihung der Schule, verbunden mit meiner Einführung, am 15. Oktober statt. Um 10 Uhr hatten sich außer den Schülern die Schulvertretung, einige Beamte der Zeche und eine große Zahl evangelischer Bewohner der Kolonie vor dem Schulhause versammelt. Als Vertreter der Direktion überreichte der Herr Kassierer Hahne mit einigen passenden Worten dem Ortsschulinspektor Herrn Pfarrer Becker den Schlüssel. Als das festlich geschmückte Klassenzimmer bis auf den letzten Platz gefüllt und ein gemeinschaftliches Lied gesungen worden war, hielt Herr Pfarrer Becker die Weiherede. Nach herzlichen Worten des Dankes für die Gründer der Schule, sprach er die Hoffnung aus, daß die Saat, die hier in die Herzen der Jugend gestreut werde, immer köstliche Früchte bringen möge und daß brauchbare Menschen mit wahrer Gottesfurcht und Nächstenliebe aus dieser Schule hervorgehen mögen. Hieran anknüpfend wies er auf die Pflichten des Lehrers hin, auf den Segen, den ein guter Lehrer in seiner Gemeinde stiften könne. Zum Schluss verpflichtete der Herr Ortsschulinspektor mich durch Handschlag, meinem früheren geleisteten Diensteid gemäß, die mir anvertraute Jugend in wahrer Gottesfurcht, in Liebe zu Kaiser und Vaterland zu erziehen.

Daraufhin brachte der Herr Ehrenamtmann Sybrecht nach einer der Bedeutung der Feier angemessenen Rede ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, das von der Versammlung mit Begeisterung aufgenommen wurde. Nach Schluss der Feier fand eine zwanglose Nachversammlung im Lokale des Herrn Wirts Enser statt. Dem eigentlichen Gründer der Schule, dem Herrn General-Direktor Hilgenstock, der inzwischen aus seiner Stellung beim Hoerder Verein ausgeschieden war, wurde in einem Telegramm nochmal der tiefgefühlte Dank der Versammlung übermittelt.“

Die Situation der Schule änderte sich gravierend, als Anfang der 60ger Jahre mehrere tausend Quadratmeter Ackerbodens im Zuge der Stadterweiterung bebaut wurden. Ab 1961 fanden hier viele hundert Familien eine neue Heimat. Die Mehrzahl der schulpflichtigen Kinder wurde in der Fichteschule am Buddenacker angemeldet. Auch die Bewohner der später abgerissenen Kolonien wurden hierher umgesiedelt und so siedelte auch langsam der Name Neu-Asseln mit um in den südlichen Teil Brackels. Die Schule platzte mit 550 Kindern, zu denen täglich neue kamen, bald aus allen Nähten, trotz Pavillonbau und Schichtunterricht.

Erst 1962 begann in der sog. Funkturmsiedlung der Neubau einer Schule mit Turnhalle und Hausmeisterwohnung, die nach 2 ½ Jahren fertiggestellt wurde. Im Garten eines Bewohners der Kriegsgefangenensiedlung befanden sich die Reste eines zum ehemaligen Flugplatz Brackel gehörenden Funkturms - Pilgerstätte aller dritten Schuljahre. Einige Straßen der Siedlung tragen Namen von Radiopionieren.

Der Umzug geschah im Herbst 1964, aber bis es soweit war, gab es manche Schwierigkeiten zu überwinden. Nicht nur ein Schulneubau wurde in Angriff genommen, auch die beiden Kirchen etablierten sich mit dem Bau einer katholischen Kirche, die 1966 fertiggestellt wurde (vorher stand ihr Unterbau, die sog. Unterkirche freundlicherweise für Versammlungen aller Art zur Verfügung) und 1964 mit einem provisorischen evangelischen. Gemeindehaus, das fast 20 Jahre halten musste.

So konnten jetzt auch Schulpflegschaftsversammlungen in der Unterkirche und nicht mehr im Saal von Haus Brettländer am Buddenacker abgehalten werden. Hatte sich die Schulpflegschaft bisher geschlossen um anstehende Probleme - wie Sicherung des Schulweges, Aufstellung von Pavillons - gekümmert, so herrschte plötzlich Uneinigkeit, denn ein Teil der katholischen Eltern stellte den Antrag auf eine katholische Schule, die sich mit im neuen Gebäude befinden sollte. Als Alternative war auch das alte Schulgebäude am Buddenacker im Gespräch. Die katholische Schule konnte nach Berechnungen aber nur eine „Zwergschule“ werden.

Es gab heiße Debatten, Schreiben und Flugblätter hin und her. Auch überörtliche Gremien mischten sich ein, so gab es ein Rundbrief des „Sachausschusses Eltern und Schule im Katholikenausschuss Dortmund“ und die „Gesellschaft Christlicher Gemeinschafsschulen“ rief zu einer Tagung auf.

Es entstand ein wahrer Kulturkampf.

Die Dokumente, aus denen die folgenden Auszüge angeführt werden, liegen im Original vor.

Brief an alle Eltern:

„In der kath. Schule können die Kinder ganzheitlich vom Glauben her erzogen werden. Alle Unterrichtsfächer werden vom Glauben her durchleuchtet sein. Die echte kath. Atmosphäre ist für unsere Kinder so wichtig. Darum müssen unsere Kinder in diesem Alter (6-14 Jahre), in dem sie am bildungsfähigsten sind, ganz besonders in die Welt der hl. kath. Kirche durch Religion und ganzheitlichen Unterricht eingeführt werden.“

Katholischer Sachausschuss Elternhaus und Schule zur „christlichen Gemeinschaftsschule“:

„Sie nennt sich Gemeinschaftsschule, weil sie für alle Kinder, unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung, Unterricht erteilen will. Sie nennt sich christlich, weil sie auf dem Boden des Christentums stehen will, ohne sich an eine Konfession zu binden. Es unterrichten teilweise sogar Lehrkräfte, die sich weder zur evangelischen noch zur katholischen Konfession bekennen.“     

Von Befürwortern der Gemeinschaftsschule, der damaligen Schulpflegschaft:

„Die Gemeinschaftsschule ist im Gegensatz zur so genannten Weltanschauungsschule, die es auch in NRW gibt, eine christliche Schule.

Der konfessionell getrennte Religionsunterricht durch kirchlich anerkannte Fachlehrer und eine Erziehung auf der Basis christlicher Bildungs- und Kulturwerte wird nicht nur gesetzlich garantiert, sondern auch in der Praxis gewissenhaft erfüllt.

Eine Schulpflegschaftsversammlung im Haus Brettländer zu diesem Thema ging im Chaos unter.

Ende 1964 mussten sich die Eltern entscheiden und ihre Kinder zu der gewünschten Schule anmelden.

Nach dem Ergebnis der Anmeldungen war der Traum einer katholischen Schule am Funkturm ausgeträumt.

Im Herbst 1964 war die neue Schule fertig gestellt, aber das Schulamt wollte den Umzug erst zum neuen Schuljahr 1965 (damals noch zu Ostern ) starten. Wieder kam es zu massiven Protesten der Elternschaft - mit Erfolg!

Schon am 26. November 1964 fand der Umzug unter großer Beteiligung der Bevölkerung mit einem Fackelzug statt. Die damals wirklich aktive Schulpflegschaft schlug vor, den Fackelzug alle Jahre zum Gedenken (und als Event) zu wiederholen. Er stellte sich als Konkurrenzunternehmen zum Martinszug der kath. Kirchengemeinde heraus, so wurde beides zusammengelegt und zu einem Grundstock für die gute Zusammenarbeit von Schule und kath. Kirche in Verbindung mit der später sog. IGN (Interessengemeinschaft Neuasseln), die unter Federführung der ev. Kirchengemeinde entstand (Schule, Kirchen, Parteien, AWO, Sportverein und Gartenanlagen, zunächst auch Sparkasse und Einzelhändler). Gemeinsam veranstalteten sie viele Schul-, Gemeinde-, Siedlungs- und Straßenfeste.

Alles fing gleich 1964 an, da gestaltete sich am Funkturm sehr viel neues Leben. In der Schule gab es durch Bemühungen der regen Elternschaft bald Angebote der Jugendmusikschule, des Jugendamtes und von der VHS. Die Kirchen zogen gemeinsam eine effektive Jugendarbeit auf. 1966 hat die Schule groß gefeiert: Das 75 jährige Bestehen.

Nach Auflösung des ev. Gemeindehauses 2005 und der IGN hat der „Funkturm“ an Schwung verloren.

Danach kamen aber böse Veränderungen. Zunächst gab es die Umstellung auf die Einschulung und Versetzung von Ostern auf den Herbst, was den Kindern zwei Kurzschuljahre bescherte. Als Lehrerin und Mutter kann ich beurteilen, dass dies nicht zum Wohle der Kinder war.

Dann gab es 1968 eine Schulreform in NRW: Die Volksschule wurde in Grund- und Hauptschule aufgeteilt. Die Grundschule behielt den Namen Fichte. Nun gab es im Gebäude zwei Rektoren mit ihren Dienstzimmern und zwei Kollegien mit ihren Lehrerzimmern. Hauptschüler anderer Schulen und Lehrer kamen ins Haus, das bald wieder aus allen Nähten platzte, trotz Umwandlung der Pausenhalle in zwei Klassenräume, Aufstellung von Pavillons, Aufteilung des Schulhofes und Auslagerung von Klassen an die Oberdorfschule.

Dieser für Schüler und Lehrer unerträgliche Zustand bestand bis 1987, als die letzten Hauptschüler auf andere Schulen verteilt wurden. Aula, Pausenhalle, Sonderräume und Schulhof gehörten wieder nur der Grundschule. Die Pavillons wurden von Kleinkindergruppen bezogen.

1981 wurde trotz der unglücklichen Umstände ein fröhliches Fest zum 90 jährigen Bestehen der Schule gefeiert.

Zur Feier des Hundertjährigen Bestehens hieß es 1991 „100 Jahre und kein bisschen leise“.

Es war ein großes Fest mit einem kleinen engagierten Kollegium, viel Elternbereitschaft, begeisterten Kindern und manchem Höhepunkt. Es gab einen Musik- und Luftballonumzug zur alten Schule und einen Festabend, zu dem auch ehemalige Schüler aus der Schule am Buddenacker geladen waren, unter ihnen der damalige NRW Minister Hermann Heinemann.

1991 war auch das Gründungsjahr des Fördervereins der Fichte-Grundschule, der für die Weiterentwicklung der Schule von großer Bedeutung war. Bis 2010 war ich durch die Arbeit im Vorstand dieses Fördervereins noch eng mit der Schule verbunden.          

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